Fachtagung „Berufskrankheiten – Verhütung und Ermittlung“

„Berufskrankheit“ – was ist das eigentlich?“

Das Bild zeigt die Begrüßung der Tagungsteilnehmer in schriftlicher Form
09.12.2019

 

Zu einer gemeinsam durchgeführten Fachtagung der Unfallkasse NRW, dem Gemeindeunfall-versicherungsverband Hannover und der Landesunfallkasse Niedersachsen, erschienen rund einhundert Gäste. Es handelte sich im Wesentlichen um Führungskräfte, Mitglieder von Personal- oder Betriebsräten, Betriebsärztinnen und -ärzte sowie Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Erklärtes Ziel der Fachtagung war es, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Thema Berufskrankheiten zu sensibilisieren und sie umfassend über die Leistungsvoraussetzungen zu informieren.

Die Fachtagung wurde von Martin Bach, Hauptabteilungsleiter Prävention/Regionaldirektion Westfalen-Lippe der Unfallkasse NRW eröffnet. Anschließend sprach Dr. Maximilian Hempel, Abteilungsleiter Umweltforschung und Naturschutz der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ein Grußwort. Die Vortragsreihe wurde von Prof. Dr. Arno Weber, Fakultät Gesundheit, Sicherheit und Gesellschaft der Hochschule Furtwangen eröffnet. Der Titel seines Vortrages lautete: „Berufskrankheit – was ist das eigentlich? Die gesetzlichen Unfallversicherungsträger – Freund oder Feind der Versicherten?“. Er führte aus, dass die Gesetzlichen Unfallversicherungsträger hinsichtlich ihrer Anerkennungspraxis von Berufskrankheiten unberechtigter Weise in der öffentlichen Kritik stehen. Häufig führen in den Medien Denkfehler der Autoren zu einer unseriösen Berichterstattung. Er hält die Haftungsprivilegierung der gesetzlichen Unfallversicherung – auch bei Berufskrankheiten – weiterhin für ein Erfolgsmodell.

Im Vortrag „Worauf kommt es im Berufskrankheiten-Verfahren an?“ berichteten Michael Wotjen, Leiter des Bereichs Grundsätze im Sozial- und Unfallversicherungsrecht der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege und seine Korreferentin Bettina Lindemann über die engen gesetzlichen Voraussetzungen zur Anerkennung einer Berufskrankheit. So fordert der Gesetzgeber den Vollbeweis, das heißt übersetzt „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ – bedeutet aber nicht: „absolute Gewissheit - hinsichtlich der Tatbestände Versicherte Person, versicherte Tätigkeit, Einwirkung, Krankheit und ggf. Unterlassungszwang“. Der Zusammenhang zwischen Einwirkung und Erkrankung muss indessen überwiegend wahrscheinlich sein. Unter diesen Gesichtspunkten stehen die Präventionsfachleute der Unfallversicherungsträger - bei der oftmals Jahrzehnte lang zurückliegenden Ursachenermittlung - oft vor großen Herausforderungen.

Anschließend berichtete Dr. med. Michael Heger auf beeindruckende Weise, worauf es bei einer Anerkennung auf den Verdacht auf einer Berufskrankheit ankommt. Aus berufenem Mund – er ist leitender Gewerbemedizinaldirektor, Arzt für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin beim Zentrum für Arbeits- und Umweltmedizin, des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz des Saarlandes - stellte er den Zusammenhang zwischen der Diagnose und dem Ermittlungsergebnis der Präventionsmitarbeiter im Rahmen des Berufskrankheitenverfahrens dar. Mit vielen Praxisbeispielen konnte er das Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung wecken. Er forderte die verantwortlichen Akteure der Unfallversicherungsträger dazu auf, Sorge für die Qualitätssicherung des Berufskrankheitenverfahrens zu tragen. Insbesondere forderte er die Spezialisierung der BK-Sachbearbeiter und der Mitarbeiter des Präventionsdienstes der Unfallversicherungsträger. Darüber hinaus forderte er, die Qualifizierung von externen Gutachtern und beratenden Ärzten im Berufskrankheitenverfahren sowie Sorgfalt bei der Auswahl der externen Gutachter. Abschließend betonte er, dass Schnelligkeit des Verfahrens nicht die Qualität beeinflussen dürfe.

Zum Schluss referierte Ludger Hohenberger, Leiter der Abteilung „Biologische, chemische, physikalische Einwirkungen“ der Unfallkasse NRW zum Thema „Richtig Fürchten lernen – Risiken angemessen beurteilen“. An verschiedenen Beispielen des alltäglichen Lebens zeigte er, dass Menschen sowohl Risiken als auch Chancen über- oder unterschätzen. Seine Botschaft:  Wenn uns etwas fremd ist, dann wirkt es per se oft angsteinflößend. Die menschliche Psyche täuscht sich aber auch umgekehrt: Selbstüberschätzung oder die vermeintliche Harmlosigkeit des Vertrauten können auch Fallen sein. Wenn Ursache und Wirkung räumlich und zeitlich weit auseinanderliegen – wie zum Beispiel bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen – dann kann es umso schwieriger sein, die Risiken adäquat zu beurteilen.

v.l.n.r.   
Bettina Linneman, Michel Wotjen, Thomas Overmann, Ludger Hohenberger ,Michael Hüter,
Prof. Dr. Arno Weber und Dr. Thomas Klüner